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Treffen der Heimatvertriebenen der niederschlesischen Stadt Winzig

von Redaktion

Bürgermeisterin der Stadt Winzko
Bürgermeisterin der Stadt Winzko

Das 68. Treffen der Heimatvertriebenen aus der niederschlesischen Stadt Winzig fand am Wochenende in der Gemeinde statt. Naturgemäß waren die Teilnehmer mittlerweile betagt, nahmen jedoch teilweise weite Anfahrten auf sich. Ausgezeichnet wurde der Festabend am Samstag durch die Anwesenheit hochrangiger Ehrengäste.


„Winziger-Treffen“ nennt sich die jährliche Zusammenkunft, zu der Julia Aigner als Organisationsleiterin zusammen mit Bürgermeisterstellvertreter Anton Maier im Saal des Bräustüberls begrüßte. Landrat Peter Dreier beschrieb den Gästen „seinen“ Landkreis Landshut als Zuzugsregion im Speckgürtel Münchens. Er streifte die wichtigsten Politik-Themenfelder und ging auf die Menschen aus der Stadt Winzig ein, die „durch Zwang unter lebensgefährlichen Umständen ihre Heimat verlassen“ mussten. Sie hätten in Niederbayern und in Meschede im Sauerland glücklicherweise eine neue Heimat finden können. Es sei die Aufgabe der Senioren, so Dreier, die nachfolgenden Generationen an die schwierigen Kriegszeiten zu erinnern.

Der Bürgermeister der Kreisstadt Meschede, Christoph Weber, hatte die weite Anreise nicht gescheut und berichtete von seiner Stadt. Dort habe man in den vergangenen Jahren den Winziger Platz mit großem Aufwand saniert. Mit einem hochprozentigen Gruß aus dem Sauerland dankte Weber dem Heimatbürgermeister Bernhard Gerauer für die freundliche Aufnahme. Sogar aus der polnischen Stadt Winzko, dem ehemaligen Winzig, war die Bürgermeisterin angereist. Jolanta Krysowata erzählte über einen Dolmetscher von der ehemaligen Heimatstadt der Vertriebenen, welche diese auf diversen Reisen bereits kennengelernt haben. Die Rede war vom umgebauten Marktplatz und von den Sanierungsmaßnahmen am dortigen jüdischen Friedhof und an der evangelischen Kirche.

Neue Heimat gefunden

Der Festvortrag war dem Neufraunhofener Bürgermeister Bernhard Gerauer vorbehalten. Dieser meinte, es sei mehr oder weniger Zufall gewesen, der die Menschen nach der Vertreibung in eine neue Heimat geführt hatte, in der sie mittlerweile längst zu Hause seien: „Sie haben Fuß gefasst“, sprach Gerauer die Teilnehmer des Treffens an, „und spielen in Ihrer Stadt, in Ihrer Gemeinde eine wichtige Rolle“. Die damals Einheimischen und die ehemaligen Heimatvertriebenen seien in Neufraunhofen zu einer Gemeinschaft geworden. „Auf dieses Zusammenwachsen sind wir stolz“, betonte Gerauer und erwähnte den verstorbenen Mitbürger und langjährigen Zweiten Bürgermeister Hans Malur: „Er hat sich um seine neue Heimat, unsere Gemeinde Neufraunhofen, sehr verdient gemacht.“ Die Anwesenheit der Bürgermeisterin der polnischen Stadt Winzko bezeichnete Gerauer als „ganz große Geste“: Sie habe ihre ausgestreckte Hand zur Versöhnung gereicht.

Der Zufall führte nach Neufraunhofen

Erst die persönlichen Erzählungen des Patenschaftsbeirats-Vorsitzenden Karl-Heinz Krause im Gespräch mit der Vilsbiburger Zeitung können die Dimensionen der Vertreibung verdeutlichen. Die kleine Stadt Winzig in Niederschlesien, 65 Kilometer von Breslau entfernt, wurde durch die Kriegsereignisse von der Roten Armee überrollt, so sein Bericht. Innerhalb von 48 Stunden musste Krauses Mutter (der Vater war in Stalingrad verschollen) mit ihrem zweijährigen Jungen zusammen mit den anderen Bewohnern im Viehwaggon der Reichsbahn nur mit etwas Handgepäck ihre Heimatstadt verlassen. Tagelang unterwegs, mehrmals „gefilzt“, kamen die Vertriebenen mit Pferdewagen und per Fußmarsch in Dresden an, wo sie zu Trecks zusammengestellt wurden. Einer davon endete schließlich nach gefährlicher Reise im Schloss von Neufraunhofen, wo die Entwurzelten von den hiesigen Bürgern aufgenommen wurden.

Die jetzigen Teilnehmer des Winziger-Treffens, so Krause, seien damals als Kinder und Jugendliche im Westen angekommen. Meist verstorben sei die Generation der Eltern und Großeltern und aus dem ehemals großen Kreis der rund 400 Teilnehmer der jährlichen Treffen sei eine kleine Gruppe von 40 Senioren übrig geblieben. Aber ein enger Zusammenhalt mit dem jährlichen Wiedersehen, den Verbindungen über Telefon und Internet und über gemeinsame Besuche in der ehemaligen Heimat sei heute noch ein unsichtbares Band zwischen den Vertriebenen. Viele von ihnen wohnen mittlerweile nicht mehr in Neufraunhofen, sondern sind über die gesamte Republik verteilt. Dennoch seien die Stadt Meschede und die kleine Gemeinde Neufraunhofen Ankerpunkte der ehemaligen Winziger.#

Quelle: Vilsbiburger Zeitung - Lokalteil vom 04. Juli 2019

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